Zum Inhalt springen

MG Cyberster GT: Rettet den Roadster!

  • von

Zweisitzige Roadster werden zur aussterbenden Spezies. Der MG Cyberster hält dagegen – elektrisch, extravagant und mit bis zu 510 PS.

Es gibt Autos, die braucht die Welt nicht unbedingt. Und genau deshalb sind sie so wichtig. Der MG Cyberster gehört eindeutig in diese Kategorie. Denn während sich die automobile Welt immer stärker an der reinen Vernunft orientiert, werden Autos zum Transportmittel, zum rollenden Wohnzimmer und zum digitalen Alleskönner. Der pure Spaß am Autofahren gerät dabei zunehmend ins Hintertreffen – manchmal könnte man sogar meinen, er sei ein wenig verpönt.

Und dann steht da plötzlich dieser zweisitzige Roadster. Niedrig, offen, mit langer Motorhaube, kurzem Heck und Stoffverdeck. Genau so, wie ein Roadster eben auszusehen hat. Dass darunter kein Benzinmotor, sondern zwei Elektromotoren arbeiten, ist allerdings die große Überraschung.

Eine aussterbende Spezies

Der klassische Roadster hat es heute schwer. Neben dem legendären Mazda MX-5 bleibt im halbwegs leistbaren Bereich eigentlich kaum noch etwas übrig für Freunde des gepflegt-sportlichen Offenfahrens. Auch der BMW Z4 hat mittlerweile das Zeitliche gesegnet. Wer heute einen neuen zweisitzigen Sportwagen mit Stoffverdeck fahren möchte, muss deutlich tiefer in die Tasche greifen – und landet dann bei Mercedes, Aston Martin, Lamborghini oder Ferrari im hochpreisig-luxuriösen Bereich. Oder eben beim MG Cyberster.

Dafür darf man den chinesischen Eigentümern von MG, dem SAIC-Konzern, durchaus einmal Danke sagen. Denn sie haben den Mut, eine solche automobile Spezies weiterhin anzubieten. Ein Elektro-Roadster mag zunächst wie ein Widerspruch wirken. Tatsächlich passt das Konzept aber erstaunlich gut zusammen.

Ein Roadster wie früher

Optisch macht der Cyberster vieles richtig. Er ist extravagant, ohne dabei beliebig oder modisch überzeichnet zu wirken. Lange Haube, kurzes Heck, flache Silhouette und eine knapp geschnittene Windschutzscheibe – das Grundrezept ist so klassisch wie beim Roadster vor Jahrzehnten. Dazu kommt ein flottes Stoffverdeck – natürlich elektrisch bedienbar.

Die Linienführung ist ausgesprochen gelungen. Die pfeilförmigen Heckleuchten und vor allem die spektakulären Scherentüren sind eigentlich gar nicht notwendig. Ein klassischer Roadster würde auch ohne diese Showelemente funktionieren. Aber seien wir ehrlich: Genau deshalb machen sie Spaß. Die Türen sorgen für jede Menge Zusatz-Pepp und einen ordentlichen Showeffekt. Wer mit geöffneten Scherentüren irgendwo rumsteht, bekommt Aufmerksamkeit. Punkt. Und ein bisschen Eitelkeit darf bei einem Roadster schließlich erlaubt sein. Und für alle Vernunftfetischisten sei gesagt: Die Türen sind sogar praktisch – Stichwort: Enge Parkplätze.

510 PS treffen auf zwei Tonnen

Beim Antrieb verabschiedet sich der Cyberster dann endgültig von seiner automobilen Vergangenheit. Statt eines kleinen Benziners arbeiten im GT zwei Elektromotoren. Einer vorne, einer hinten – damit verfügt der Cyberster GT über Allradantrieb. Die Systemleistung beträgt bis zu 510 PS.

Ob man in einem zweisitzigen Roadster tatsächlich 510 PS braucht? Wohl eher nicht. Im Alltag fahren wir den Cyberster sowieso im Sport-Modus. Und selbst dort ist mehr als genug Leistung vorhanden. Die Kraftentfaltung ist unmittelbar, der Vortrieb beeindruckend und das Auto reagiert auf jeden Druck des Fahrpedals mit Nachdruck.

Wer allerdings jemandem etwas beweisen möchte, aktiviert den Track-Modus. Dann wird aus dem ohnehin schnellen Roadster ein ziemlich brutales Geschoss. In nur 3,2 Sekunden geht es von 0 auf 100 km/h. Das ist lustig. Keine Frage. Aber unserer Meinung nach auch ein bisschen Themenverfehlung. Denn beim Roadster geht es eigentlich nicht darum, möglichst schnell von einer Ampel zur nächsten zu schießen. Es geht um Kurven, Landschaft, Wind und das unmittelbare Gefühl, Auto zu fahren.

Und er kann Kurven!

Mit seinen rund zwei Tonnen ist der MG wahrlich kein Leichtgewicht. Umso überraschender, wie souverän er sich durch Kurven bewegen lässt. Der tiefe Schwerpunkt der Batterie sorgt dafür, dass der Cyberster satt auf der Straße liegt. Die Karosserie bleibt erstaunlich ruhig, Seitenneigung hält sich in engen Grenzen. Zusätzlich sorgt das dicke Batteriepaket für enorme Verwindungssteifigkeit und somit zusätzlicher Fahrpräzision.

Auch das Fahrwerk ist nicht übertrieben hart abgestimmt. Genau das gefällt uns. Ein Roadster darf sportlich sein, muss seine Insassen und deren Zahnplomben aber nicht bei jeder Bodenwelle daran erinnern. Die Lenkung arbeitet direkt und präzise und passt gut zum Charakter des Autos. Auch die Brembo-Bremsanlage überzeugt mit kräftigem Biss und guter Dosierbarkeit. Der Cyberster kann also nicht nur geradeaus schnell. Er kann tatsächlich Kurven.

Offenfahren mit Strom

Und genau hier beginnt der Cyberster richtig Spaß zu machen. Verdeck auf, Sport-Modus aktiviert und los geht’s. Plötzlich spielen die 510 PS gar nicht mehr die Hauptrolle. Viel wichtiger sind die Sitzposition knapp über der Straße, das offene Cockpit und die unmittelbare Verbindung zur Umgebung. Man fährt nicht einfach schnell. Man erlebt die Fahrt. Das ist etwas, das viele moderne Autos – unabhängig vom Antrieb – zunehmend vergessen lassen. Der MG Cyberster erinnert uns dauernd daran, dass Autofahren auch einmal völlig zweckfrei sein darf.

Reichweite passt zum Roadster

Der Cyberster GT verfügt über einen 77-kWh-Akku. Bei unserem Test kamen wir auf einen Verbrauch von rund 24 kWh/100 Kilometer. Damit waren im realistischen Testbetrieb gut 300 Kilometer Reichweite möglich. Das ist keine Reichweitenbestmarke, für einen sportlichen Roadster aber durchaus in Ordnung. Wer mit einem solchen Auto unterwegs ist, fährt schließlich selten mehrere hundert Kilometer am Stück auf der Autobahn.

Die maximale Ladeleistung beträgt 144 kW. Auch das geht für dieses Fahrzeugkonzept vollkommen in Ordnung. Man darf beim Cyberster ruhig daran denken, was er eigentlich sein möchte: kein elektrischer Kilometerfresser, sondern ein elektrischer Spaßmacher.

Viel Show, viel Ausstattung

Auch im Innenraum setzt sich der eigenständige Charakter fort. Der Cyberster wirkt modern und sportlich und unterscheidet sich wohltuend von vielen nüchtern gezeichneten Elektroautos. Natürlich gibt es reichlich digitale Anzeigen und Bedienmöglichkeiten. Trotzdem bleibt der Eindruck eines Sportwagens erhalten. Und genau das ist wichtig. Denn beim Roadster zählt nicht nur die Funktionalität. Er darf emotional und bei Bedarf unvernünftig sein. Und er darf auffallen.

Trophy oder GT?

Den Cyberster gibt es in zwei unterschiedlichen Varianten. Der günstigere Trophy verfügt über einen Elektromotor und Heckantrieb. Der GT setzt auf zwei Motoren und Allradantrieb. Preislich startet der Cyberster Trophy in Österreich bei 63.340 Euro. Für den GT werden 69.330 Euro fällig.

Damit bleibt der MG zwar kein Schnäppchen, bewegt sich aber in einer Preisregion, in der vergleichbare zweisitzige Roadster mittlerweile kaum noch zu finden sind.

Unser Fazit: Bitte mehr davon!

Der MG Cyberster ist ein Auto, das man eigentlich nicht braucht. Und genau deshalb braucht man ihn. In einer Zeit, in der Vernunft, Effizienz und maximale Alltagstauglichkeit immer stärker den Autokauf bestimmen, setzt der Cyberster ein bewusst emotionales Zeichen. Er ist ein Auto, das auffällt, Spaß macht und das Offenfahren zelebriert.

Die 510 PS des GT sind dabei eigentlich gar nicht notwendig. Für den normalen Fahrbetrieb reicht der Sport-Modus – oder eben die günstigere Trophy-Variante völlig aus. Die 3,2 Sekunden auf 100 km/h im Track-Modus sind beeindruckend, aber für einen Roadster nicht unbedingt das, worum es geht. Viel wichtiger sind das gelungene Design, das Stoffverdeck, die niedrige Sitzposition, das ausgezeichnete Fahrwerk, die präzise Lenkung und die kräftigen Bremsen.

Danke MG (und SAIC), dass ihr den Roadster noch nicht aufgegeben habt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner