Der Sommer zeigte sich in Oberösterreich von seiner heißesten Seite. Das Thermometer kletterte um die 40° Grad-Marke, die Badetaschen standen bereit und am Attersee wartete die wohl schönste Abkühlung des Landes. Genau das richtige Umfeld also, um herauszufinden, ob der neue Kia EV5 GT-Line mehr kann, als vor dem Eissalon eine gute Figur zu machen.
Die kurze Antwort: Ja, kann er. Der elektrische Koreaner erwies sich auf unseren Fahrten mit Kind und Kegel als komfortabler, großzügiger und erfreulich unkomplizierter Begleiter. Und eines muss man ihm lassen: Mit seinem kantigen Auftritt macht der EV5 ordentlich was her.






Ein SUV mit selbstbewusstem Auftritt
Mit 4,61 Metern Länge reiht sich der Kia EV5 ziemlich genau zwischen dem kompakten EV3 und dem mächtigen EV9 ein. Optisch orientiert er sich eindeutig am großen Bruder. Hohe Flanken, eine beinahe senkrechte Front und markante LED-Leuchten sorgen dafür, dass der EV5 auf der Straße nicht untergeht. Die 19-Zoll-Räder der GT-Line stehen ihm ausgezeichnet. Insgesamt wirkt das Design modern, robust und erfreulich eigenständig. Wer ein unauffälliges Elektroauto sucht, wird vermutlich woanders fündig. Wer hingegen ein Familien-SUV möchte, das vor dem Strandbad ebenso etwas hermacht wie auf dem Firmenparkplatz, dürfte Gefallen am EV5 finden. Praktisch ist der zusätzliche Stauraum unter der vorderen Haube. Der sogenannte Frunk fasst gut 44 Liter und nimmt Ladekabel oder anderes Zubehör auf. Damit bleibt der eigentliche Kofferraum frei von herumliegenden Kabeln.
Hitzetest bestanden
Bei einem Familienausflug an den Attersee entscheidet sich die Qualität eines Autos spätestens beim Einsteigen. Während draußen die Hitze über dem Asphalt flimmert, sollen drinnen möglichst rasch angenehme Temperaturen herrschen.
Hier spielt die GT-Line ihre umfangreiche Ausstattung aus. Die Vordersitze lassen sich nicht nur elektrisch einstellen und beheizen, sondern auch belüften. An einem heißen Sommertag ist das weit mehr als eine nette Spielerei. Besonders angenehm: Die Temperierung beschränkt sich nicht auf die Sitzfläche, sondern bezieht auch die Lehne mit ein.
Die Klimaanlage bringt den großen Innenraum rasch auf ein erträgliches Niveau und dank Vorklimatisierung ist das alles kein Thema mehr. Gleichzeitig hält sich der Kia bei der Bedienung wohltuend zurück. Für wichtige Funktionen gibt es weiterhin echte Tasten und Direktzugriffe. Niemand möchte schließlich mit nassen Badehänden durch mehrere Bildschirmmenüs wischen, nur um die Temperatur anzupassen. Finden wir Top, die angedeuteten Tasten nur aufgedruckt und ohne erkenntliche Berührungspunkte sind gewöhnungsbedürftig und stören des öfteren beim Berühren des großen Displays.
Platz für die ganze Familie
Seine größte Stärke zeigt der EV5 dort, wo ein Familien-SUV überzeugen muss: beim Platzangebot. Vorne sitzt man luftig, auch dank der Sitzbelüftung. Im Fond freuen sich auch größere Passagiere über reichlich Kopf- und Beinfreiheit. Die Neigung der hinteren Lehnen lässt sich verstellen und die beiden äußeren Fondsitze sind ebenfalls temperierbar. Die vorderen Kopfstützen dienen auch als Ablage für Jacken oder Kopfhörer, dank der geformten Kopfteile. Kindersitze, Badetaschen, Kühltasche, Schwimmflügel und das unvermeidliche Sammelsurium an Dingen, die bei einem Familienausflug „unbedingt“ mitmüssen – all das bringt den Kia nicht aus der Ruhe. Lediglich Ablagemöglichkeiten für großen Trinkflaschen ab 0,5 Liter sucht man leider vergebens, weder im Vorderen Beriech noch im Font. Der Kofferraum fasst 556 Liter. Werden die Rücksitzlehnen umgelegt, wächst das Ladevolumen auf bis zu 1650 Liter. Dabei entsteht eine nahezu ebene Ladefläche. Die niedrige Ladekante erleichtert das Verstauen schwerer Gegenstände, während unter dem Zwischenboden weitere Ablagemöglichkeiten warten. Eine 230-Volt-Steckdose im Gepäckraum kann unterwegs Kühlboxen oder andere elektrische Geräte versorgen. Gerade bei einem langen Sommertag am See ist das ein ausgesprochen praktisches Detail.
Entspannt statt übertrieben sportlich
Der Kia EV5 GT-Line wird von einem 160 kW beziehungsweise 218 PS starken Elektromotor angetrieben. Seine 295 Newtonmeter Drehmoment gelangen über die Vorderräder auf die Straße. Den Sprint von null auf 100 km/h erledigt das gut zwei Tonnen schwere SUV in 8,4 Sekunden.
Das klingt nicht nach Sportwagen – und soll es auch nicht. Der EV5 versteht sich in erster Linie als komfortables Familienauto. Trotzdem steht beim Überholen jederzeit genügend Leistung zur Verfügung. Der elektrische Antrieb reagiert spontan, aber nicht hektisch. Das passt hervorragend zum insgesamt gelassenen Charakter des Autos.
Auf den oberösterreichischen Landstraßen in Richtung Attersee gefällt der Kia mit einer harmonischen Federung und geringen Karosseriebewegungen. Er liegt satt auf der Straße, bleibt auch in Kurven angenehm stabil und vermittelt trotz seiner Größe viel Ruhe.
Ebenso erfreulich ist das niedrige Geräuschniveau. Der Elektromotor bleibt naturgemäß im Hintergrund, Windgeräusche halten sich in Grenzen. Erst bei höherem Tempo machen sich die großen Reifen deutlicher bemerkbar. Im Familienbetrieb bedeutet das: Gespräche funktionieren ohne erhobene Stimme – und wenn es auf der Rückbank plötzlich verdächtig ruhig wird, hört man das ebenfalls.
Kameras gegen den Parkplatzstress
Seine kantige Karosserie ist zwar ein Hingucker, macht den EV5 aber nicht besonders übersichtlich. Beim Rangieren vor einem gut besuchten Strandbad in Steinbach am Attersee, ist man daher froh über die Kameras und Assistenzsysteme. Die Rundumsicht zeigt das Fahrzeug und seine Umgebung aus mehreren Perspektiven. Zusätzlich blenden die Totwinkelkameras beim Setzen des Blinkers ein Bild der jeweiligen Fahrzeugseite im Fahrerdisplay ein. Das schafft Sicherheit, besonders wenn sich Fahrräder, Kinder und andere Badegäste rund um das Auto bewegen. Auch die übrigen Assistenten arbeiten angenehm unaufgeregt. Der Spurhalteassistent greift vergleichsweise sanft ein und lässt sich bei Bedarf rasch deaktivieren. Selbst die Warnung bei erkannten Tempolimits gehört nicht zu den besonders schrillen Vertretern ihrer Art, das finden wir wirklich gut.
Mehr als 500 Kilometer Reichweite
Die Batterie des EV5 besitzt eine nutzbare Kapazität von 81,4 kWh. Laut WLTP sind damit bis zu 505 Kilometer möglich. Im zugrunde liegenden Praxistest lag der Verbrauch mit 16,5 kWh pro 100 Kilometer sogar knapp unter der offiziellen Angabe von 16,8 kWh. Damit erscheint eine Reichweite jenseits der 500-Kilometer-Marke bei passendem Fahrprofil durchaus realistisch. Für Fahrten innerhalb Oberösterreichs bedeutet das vor allem Gelassenheit. Der Ausflug zum Attersee, eine Runde durchs Salzkammergut und die Heimfahrt lassen sich absolvieren, ohne dass ständig die nächste Ladesäule Thema sein muss.
Beim Schnellladen erreicht der EV5 maximal 150 kW. Der Ladestand soll damit in etwas mehr als 30 Minuten von zehn auf 80 Prozent steigen. Das ist ordentlich, auch wenn Kia bei anderen Modellen bereits deutlich schnellere 800-Volt-Technik anbietet. Wechselstrom lädt der EV5 serienmäßig mit 11 kW. Gegen Aufpreis ist ein 22-kW-Lader erhältlich.
Zwischen Waschbox und Testgelände
Ein Auto mit so einem selbstbewussten Auftritt gehört natürlich auch ordentlich in Szene gesetzt. Deshalb bekam der EV5 in Marchtrenk zunächst noch eine gründliche Wäsche. Davon gibt es ebenso Bewegtbilder wie von unserem anschließenden Shooting ÖAMTC-Testgelände in Marchtrenk.
Dort entstanden die Fotos zum Fahrzeugtest. Zwischen markanter Architektur, weitläufigen Fahrflächen und sommerlicher Kulisse zeigte sich der kantige Kia besonders fotogen. Seine klaren Linien, die mächtigen 19-Zoll-Räder und die auffällige Lichtsignatur kommen auf den Bildern richtig gut zur Geltung. Die dazugehörigen Videos vermitteln noch einmal einen unmittelbareren Eindruck von Größe, Design und Auftreten des EV5.
Was sagen wir dazu!
Der Kia EV5 GT-Line ist kein elektrischer Sportwagen und will auch keiner sein. Er ist ein geräumiges, komfortables und hervorragend ausgestattetes Familien-SUV, das den Alltag erstaunlich leicht macht. Bei unseren sommerlichen Fahrten zum Attersee überzeugte er mit viel Platz, einer wirksamen Klimatisierung, belüfteten Sitzen, angenehmem Fahrkomfort und einer Reichweite, die auch längere Ausflüge ohne Lade-Nervosität erlaubt. Dazu kommt ein markanter Auftritt, mit dem der EV5 zwischen all den rundgelutschten SUV-Formen erfreulich heraussticht.
Mit einem Grundpreis von 51.990 Euro ist die getestete GT-Line freilich kein Schnäppchen. Dafür bringt sie bereits eine umfangreiche Ausstattung mit. Unser Testwagen kam inklusive Extras auf 54.670 Euro.
Unterm Strich ist der Kia EV5 ein nahezu perfektes Familien-SUV für alle, die elektrisch unterwegs sein wollen, viel Platz benötigen und trotzdem nicht auf einen selbstbewussten Auftritt verzichten möchten. Oder kurz gesagt: Kind, Kegel, Kühltasche und Badezeug einladen – und ab an den See.
Technische Daten Kia EV5 GT-Line
| Antrieb | Elektromotor, Frontantrieb |
| Leistung | 160 kW / 218 PS |
| Drehmoment | 295 Nm |
| 0–100 km/h | 8,4 Sekunden |
| Höchstgeschwindigkeit | 165 km/h |
| Batterie | 81,4 kWh |
| Reichweite laut WLTP | 505 km |
| WLTP-Verbrauch | 16,8 kWh/100 km |
| DC-Ladeleistung | bis zu 150 kW |
| Kofferraum | 556–1650 Liter |
| Frunk | 44,4 Liter |
| Anhängelast | 1200 kg |
| Preis GT-Line | ab 51.990 Euro |
| Testwagenpreis | 54.670 Euro |
