Mehr als 60 Fahrzeuge, davon allein neun Konzeptstudien und ein Feuerwerk an Ideen: Auf dem Pariser Autosalon 2026 zeigt der europäische Autoriese Stellantis, dass Tradition, Design und Innovation eine ziemlich scharfe Waffe gegen die Konkurrenz aus China sind.
Wer geglaubt hat, Europas Autoindustrie hätte angesichts der chinesischen Elektro-Offensive nur noch die Hosen voll, der sollte sich den Messeauftritt von Stellantis beim heurigen Automobilsalon in Paris ansehen. Stellantis zeigte beim Mondial de l’Auto groß auf – und zwar nicht mit einer beliebigen Ansammlung von topfengolatschigen E-SUVs, sondern mit einem selbstbewussten Bekenntnis zu den eigenen Marken, ihrer Geschichte und ihrer kreativen Kraft.
Die Botschaft ist klar: Wer in Europa Autos verkaufen will, braucht mehr als große Displays, lange Ausstattungslisten und attraktive Preise. Er braucht Charakter. Und davon haben Citroën, Peugeot, Alfa Romeo, DS Automobiles, Fiat, Lancia und Opel reichlich im historischen Gepäck.
Die Ente fliegt wieder

Der Publikumsliebling stand schon fest, bevor die Messe ihre Tore öffnete: Citroën lässt mit dem 2CV Concept die legendäre Ente wieder aufleben. Das einstige Volksauto soll ins Elektrozeitalter übersetzt werden – mit dem alten Versprechen, Mobilität für möglichst viele Menschen erschwinglich zu machen.
Als preisliche Zielmarke stehen rund 15.000 Euro im Raum, die Markteinführung ist für 2028 vorgesehen. Noch sind einige Rahmenbedingungen offen, doch allein die Idee hat etwas Erfrischendes. Während sich viele Hersteller mit immer größeren, schwereren und teureren Elektroautos überbieten, erinnert Citroën daran, dass ein Auto nicht gleich ein rollendes Wohnzimmer mit Premiumanspruch sein muss.
Genau darin liegt die Stärke europäischer Automobilgeschichte: Sie liefert nicht nur schöne Geschichten für Museumsbesuche, sondern Ideen, die auch heute noch funktionieren können. Die Ente war schließlich nie wegen ihrer PS-Zahl berühmt, sondern wegen ihrer Cleverness und ihres unverwechselbaren Charakters.
Design statt Einheitsbrei

Auch die übrigen Marken zeigen, dass die Vergangenheit durchaus als Sprungbrett für die Zukunft taugt. Peugeot interpretiert mit dem endgeilen E-T16 Concept seine sportliche Tradition neu. Die spektakuläre Studie mit drei Elektromotoren bringt es auf 816 PS. Das ist natürlich eine Ansage, auch wenn niemand ernsthaft erwarten sollte, dass der nächste Peugeot 208 mit dieser Leistung beim Händler steht. Fix ist allerdings die Tatsache, dass dieses Konzept bereits viele optische Details der kommenden neuen 208-Reihe vorweg nimmt. Wir freuen uns definitiv darauf.
Ebenso spannend ist der Peugeot RCZ Vision: Die Studie greift die Idee des einstigen Peugeot-Coupés auf und übersetzt sie in eine elektrische Zukunft. Angekündigte Technologien wie eine 1.000-Volt-Architektur und eine Feststoffbatterie mit einer Reichweite von bis zu 600 Kilometern zeigen, wohin die Reise gehen könnte. Auch hier werden wir viele Details (Stichwort: Scheinwerfer und Rückleuchten) in zukünftigen Peugeot-Modellen wiederfinden.

DS Automobiles wiederum demonstriert mit dem F3VER, wie eigenständig französischer Premiumanspruch aussehen kann. Statt austauschbarer Eleganz gibt es eine unverwechselbare Formensprache und originelle Details. Alfa Romeo setzt mit dem Cuorerosso auf italienische Leidenschaft, während Fiat mit dem Multiplay neue Ideen für ein vielseitiges Alltagsauto präsentiert. Auf 4,45 Metern Länge soll das Konzept das Raumangebot eines Vans mit dem Auftritt eines SUV und den Transportmöglichkeiten eines Pick-ups kombinieren. Ein konkretes Serienmodell ist leider nicht geplant.

Opel besinnt sich auf seine Stärken
Besonders erfreulich ist der Auftritt von Opel. Mit dem STX Concept rückt die Marke einen Fahrzeugtyp ins Rampenlicht, der in Zeiten des SUV-Booms beinahe in Vergessenheit geraten ist: den sportlich gezeichneten Kombi. Flach, dynamisch und mit einer klaren Linienführung zeigt die Studie, dass Fortschritt nicht zwangsläufig auf Stelzen stehen muss. Auch das Bekenntnis zum deutschen Engineering ist unverkennbar. Opel will innerhalb des internationalen Stellantis-Konzerns seine eigene Identität bewahren – und das ist gut so.
Dazu kommt der Einstieg in die Formel E mit dem GSE 27FE. Hier geht es nicht nur um Motorsport, sondern auch um technische Kompetenz und ein emotionaleres Image. Opel erinnert daran, dass deutsche Ingenieurskunst und europäisches Design durchaus gemeinsam auftreten können.

Die Geschichte als Wettbewerbsvorteil
Natürlich ist Nostalgie allein kein Geschäftsmodell. Ein legendärer Name macht noch kein gutes Elektroauto, und eine spektakuläre Studie bezahlt keine Produktionskosten. Auch Stellantis muss beweisen, dass aus den Messehighlights attraktive Serienmodelle werden, die technisch überzeugen und preislich konkurrenzfähig sind.
Doch genau hier liegt die Chance des Konzerns. Die chinesischen Hersteller punkten mit Tempo, Technologie und aggressiven Preisen. Europas Traditionsmarken können ihnen etwas entgegensetzen, das sich nicht über Nacht kopieren lässt: jahrzehntelange Markengeschichte, eigenständige Designtraditionen und eine emotionale Verbindung zu ihren Kunden.
Stellantis zeigt in Paris, wie man daraus Zukunft macht. Nicht, indem man chinesische Autos einfach nachahmt, sondern indem man sich der eigenen Stärken besinnt und diese schlau weiterentwickelt. Die Ente muss keine chinesische Konkurrenz imitieren, Peugeot darf sportlich bleiben, Alfa Romeo muss nicht vernünftig aussehen und Opel darf weiterhin tolle Kombis bauen. Das Entscheidende dabei: Die Marken sehen nicht aus, als kämen sie aus derselben Designabteilung mit unterschiedlichen Logos. Jede erzählt ihre eigene Geschichte. Genau das macht sie interessant.
Unser Fazit: Stellantis lieferte in Paris ein starkes Plädoyer für die europäische Automobilindustrie. Das Feuerwerk an Konzepten beweist, dass Kreativität und Innovation nach wie vor nicht aus China kommen. Jetzt müssen die Hersteller nur noch den Mut haben, möglichst viel von diesen Ideen auf die Straße zu bringen – und zwar zu Preisen, die sich auch normale Autofahrer leisten können, bevor China den Kopierer anwirft. Dann könnte aus dem selbstbewussten Auftritt tatsächlich mehr werden als eine beeindruckende Messeshow. Nämlich eine echte Kampfansage an die Konkurrenz.

